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14.04.2011 10:35 Alter: 2 yrs

Das Jüdische Museum Berlin war am Firstwald-Gymnasium

Kategorie: Presse
Von: Jürgen Jonas Schwäbisches Tagblatt

Nicht alle Schüler kommen ins Museum. Das Berliner Jüdische Museum kommt zu den Schülern. Gestern waren drei seiner Mitarbeiter mit einer mobilen Ausstellung zu Gast am Firstwald, um die Schüler mit jüdischem Leben und jüdischer Geschichte vertraut zu machen.

Mössingen. Wie schmecken koschere Gummibärchen? Wer war eigentlich Oscar Troplovitz? Und was hat Julius Fromm geschaffen? Wie kommt Wladimir Kaminer in Deutschland zurecht? Die Firstwald-Schüler haben sich gestern mit solchen Fragen beschäftigt. Denn sie hatten Besuch aus Berlin. "On.tour - das Jüdische Museum Berlin macht Schule" bedeutet: mobile Ausstellung und Workshop zu deutschjüdischer Geschichte und jüdischer Identität.

95 Schulen in 15 Bundesländern steuert der Tourbus in diesem Jahr an. Darunter sind auch fünf Schulen in Baden-Württemberg. Studiendirektor Friedemann Stöffler freute sich, dass der Bus, nach Blaustein und Gammertingen an den Tagen zuvor, nun an der Steinlach Station machte, in der Stadt des einzigen Generalstreiks, mit dem am 31. Januar 1933 Hitler zu Fall gebracht werden sollte. Die Schule hat sich beworben, die Bewerbung fand in Berlin Gefallen. So sind sie nun hier, die pädagogischen Projektmitarbeiter des Museums, die auch in Berlin mit Schulklassen arbeiten, allerdings in den Museumsräumen. Die Bildungsreferenten Cornelia Liese, Alexander Green und Johannes Schwarz übernehmen an diesem Tag in einigen Klassen den Unterricht. Sie schildern, wie die ersten Juden mit den Römern hierher kamen, und wie es kam, dass sie im Mittelalter als Kindermörder, Brunnenvergifter, Pesterreger und Zinsaussauger diffamiert wurden.

Wie war es nach 1945 in Deutschland?

Und sie haben bekannten und unbekannten Jüdinnen und Juden die Frage gestellt: "Wie war das eigentlich - nach 1945 in Deutschland aufzuwachsen?" Aus den Antworten darauf wird Unterricht, etwa aus der Geschichte des Juristen Zwi Wasserstein, der 1955 in Frankfurt geboren wurde; aus der Biografie der Musikerin Ekaterina Kaufmann, die 1981 in Sankt Petersburg zur Welt kam; und aus den Erzählungen des erfolgreichen Schriftstellers Wladimir Kaminer, der seit 1990 in Berlin lebt.

Schüler der Realschulaufsetzerklasse 10 + mit Klassenlehrer Michael Faiß und der 10 a mit dessen Kollegen Werner Kremers bereiten daraus ideenreiche Präsentationen. Um die Frage beantworten zu können: Wie ist das mit den Juden heutzutage? Schüler Jan Giegling bezeichnet die Beziehung als eine immer noch "heikle Sache" und zitiert Kaufmann mit ihrem Satz: "Ist ein Mensch gut, so wird das gut sein, an was er glaubt." Aus dem er schließt, dass auf beiden Seiten durch vermehrte Kenntnisse mehr Verständnis füreinander aufgebracht werden müsse. "Dann kann sich etwas ändern."

Fünf große Ausstellungswürfel mit sechzehn eingebauten Vitrinen lagern in der Aula. Die Schüler der 6 a und der 6 b mit den Klassenlehrerinnen Katja Heck und Bettina Thimm sind überaus interessiert und aufmerksam. Da kann man viel lernen. Der Fabrikant Troplovitz hat vor hundert Jahren angefangen, Nivea-Creme zu produzieren. Der Gummifabrikant Fromm erfand 1916 die ersten Qualitätskondome, ohne Naht. Beide waren deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens. Troplovitz erlebte die Nazizeit nicht mehr, Fromm musste hinnehmen, wie sein Unternehmen "arisiert", also enteignet wurde. Er überlebte den Hitlerfaschismus nur um wenige Tage.

Auch Albert Einstein, in Ulm geboren, ein Vertreter "undeutscher Wissenschaft", wird vorgestellt, oder Lilly Cassel, die, in Berlin in den Jahren der Judenverfolgung aufgewachsen, als Kinderbuchillustratorin in den USA bekannt wurde. Die Lokalgeschichte spielt auch eine Rolle, die jüdische Gemeinde Tübingens, die Brandstiftung an der Synagoge, der Wankheimer Friedhof, die Mössinger Generalstreiksteilnehmer, die im KZ landeten.

Landesrabbiner Wurmser zu Besuch

Nikolai und Nico, beide 11, jüdisch gewandet, mit Kippa und Gebetsschal, führen, nachdem sie sich sachkundig gemacht haben, in die Weise ein, wie die Thora zu studieren sei. Ein kleiner Einblick in eine fremde Welt. Aus Stuttgart kommt weiterer Besuch. Der Landesrabbiner von Württemberg, Netanel Wurmser, wohnt einem Teil des Unterrichts bei und zeigt sich sehr zufrieden über die interessante Art, Deutsch-Jüdisches ins Bewusstsein zu rücken.

Mit dem Besuch sollte einer Erstarrung des Gedenkens an den Holocaust in bloßen Ritualen vorgebeugt werden, sagt Faiß. Was gelingt. Eine sehr gute Sache. Mehr davon! Wie schmecken nun Gummibärchen, die nach jüdischen Speiseregeln hergestellt wurden? Nach mehr.

Mit freundlicher Genehmigung des Steinlachboten


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