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Mössinger Firstwaldschüler schlüpfen in die Rolle der "Schwabenkinder"
Kategorie: PresseVon: Susanne Mutschler, Steinlachbote
Am 26. Februar ist Lindenhof-Premiere für das Stück "Schwabenkinder - in fremden Händen". Die Spannung unter zehn jungen Firstwaldschülern wächst. Sie spielen nämlich die Kinder.
Mössingen/Melchingen. Zehn ärmlich und altmodisch gekleidete Kinder stehen neben zehn schäbigen Nachtkästchen. Die kleinen Möbelstücke, die in ihren Proportionen gut zu den jungen Protagonisten passen, haben eine wichtige symbolische Rolle in dem Theaterstück über die "Schwabenkinder", die früher als billige Arbeitskräfte auf den Höfen im Oberland zwischen Ravensburg und Friedrichshafen verdingt wurden.
Wie Inseln sind die Schränkchen auf der Theaterbühne verteilt. Man denkt dabei an die weit verstreut gelegenen Bauernhöfe, auf denen die Kinder auf Gedeih und Verderb ihren Brotgebern ausgeliefert waren. Man stellt sich ihre Isoliertheit und ihr Heimweh in der Fremde vor. Im besten Fall interpretiert man die Kästen als Rückzugsort oder als Gehäuse für die wenigen Habseligkeiten der Schwabenkinder.
300 Jahre lang zogen sie über die Alpen
Mehr als 300 Jahre lang zogen in jedem Frühjahr Kinder aus dem bitterarmen Vorarlberg, Tirol und Graubünden nach Schwaben. Auf den Kindermärkten, die jeden Frühling in Ravensburg und in Friedrichhafen stattfanden, wurden sie von Bauern für die Saison gekauft. Niemand nahm Anstoß daran. Erst als die internationale Presse von Sklaverei sprach, wurden die Märkte 1914 eingestellt. Inoffiziell habe das "Schwabengehen" aber noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg gedauert, weiß der Melchinger Lindenhofschauspieler Franz Xaver Ott.
Er hatte aus dem Stoff dieser unrühmlichen Tradition bereits 2011 eine Theaterszene mit Jugendlichen gemacht und zum 200-jährigen Jubiläum der Stadt Friedrichshafen aufgeführt. Seit vergangenen September probt er das Stück mit 11- bis 15-jährigen Schülern vom Mössinger Firstwald-Gymnasium. Anfangs waren es nur die Samstage, doch jetzt, von den Fastnachtsferien an, werden die Kinder bis zur Premiere jeden Tag im Lindenhof verbringen.
Die Melchinger Aufführung werde "kein Remake" werden, sagt Ott, immerhin sei die Version mit den Mössinger Kindern doppelt so lang. Die neun Szenen folgen der Chronologie eines Schwabenkindertransportes vom Abschied über die Wanderung, vom Kindermarkt, der trostlosen Situation auf den Höfen bis zu den ersten Kontrollversuchen durch den 1904 gegründeten Schwabenkinderverein. Ott ist der einzige Erwachsene in der Theatertruppe und tritt mal als lüsterner Bauer, mal als sozialreformerischer Pastor und mal als Geschichtsschreiber auf.
Als die Lindenhöfler im Herbst zwei Tage lang zum "Casting" in die Turnhalle des Firstwald-Gymnasiums eingeladen hatten, waren rund 50 Schüler gekommen. Ausreichend Talent fürs theatralische "Schwabengehen" trauten Ott und Regisseur Oliver Moumouris nur zehn der Bewerber zu. Der 15-jährige Simon Sauerbeck, der im Stück in breitem Schwäbisch über den bösen und geizigen "Brandl Bauer" herzieht, hatte gleich gemerkt, "dass mir das liegt". Lotta Bürker und Melanie Wagner, beide 12 Jahre alt, freuten sich, als sie die Chance bekamen, mit echten Profis zusammen Theater zu spielen. Doch als sie die "mitreißende Geschichte" über die "Schwabenkinder" im Kinofilm anschauten, mussten sie erst mal sehr weinen. Ihre Faszination am künftigen Theaterschicksal wurde komplett, als sie von einer ihrer Lehrerinnen erfuhren, dass deren eigene Großmutter tatsächlich noch als "Schwabenkind" zum Arbeiten geschickt worden war. "Das ist erst drei Generationen her", staunen sie.
Es geht so viel rein
in ein Kinderherz
In Moumouris Regieanweisungen stehen die Nachtkästchen für die Arbeitsplätze, die Obstmühle oder den Rübenschneider, an denen die Schwabenkinder "von früh morgens bis spät am Abend zum Sterben müd" schuften müssen. Bei einem Arbeitsunfall, als sich eines der Kinder fast den Finger spaltet, stürzt eines der Möbelstücke krachend zu Boden. Aus der Bildhaftigkeit wird wieder blutiger theatralischer Ernst. In einer anderen Szene gehören sie zur Ausstattung der Kneipe, in der die Kinder bei Schnaps ihre schlimmsten Erlebnisse und Erfahrungen - Hunger, Kälte, Überforderung, Vernachlässigung, sexuelle Übergriffe - zur Sprache bringen: "Es geht so viel rein in ein Kinderherz und weiß nicht, was anfangen damit", sagt die elf Jahre alte Helen Strohmaier mit unbewegter Miene, als sie vom Tod ihrer Bäuerin erzählt. Später im Stück mutieren die kleinen Schränke zu Rednerpulten, von denen herab die jungen Schauspieler in verkrampftem Verwaltungsdeutsch verkünden, dass Schulpflicht für Schwabenkinder für überflüssig gehalten wurde.
Nicht nur die Requisiten sind multifunktional, auch die Rollen hat Regisseur Oliver Moumouris vielschichtig angelegt. "Wir verlangen viel, was die spielerische Intelligenz angeht", erklärt er. Die Kinder wechseln beim Spielen fließend die Perspektiven zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Identifikation mit den handelnden historischen Personen und kommentierender Berichterstattung. Ihm gefalle die Anfangsszene am besten, sagt der elfjährige Sebastian Nehk. Da treten die Firstwald-Schüler noch in höchsteigener Gegenwartsperson auf und schlüpfen erst über die Lektüre und die lustigen Missverständnisse bei der Übersetzung der amerikanischer Pressestimmen in die Kostüme und die Haut der Schwabenkinder aus dem 19. Jahrhundert.
"Es gibt keine 100-prozentige Identifikation", erklärt Moumouris den Leitgedanken seiner Regie. Von seinen jungen Schauspielern wünscht er sich, dass sie über die berichthaft formulierten Texte eine emotionale Distanz und Härte zu den lebendigen Spielszenen hinkriegen. "Sie sind immer gleichzeitig ihre eigenen Beobachter und Chronisten."
Das Publikum soll dabei eine intellektuelle "Reibung" erleben zwischen den historischen Kinderschicksalen und den Bedingungen und Ansprüchen der aktuellen Wohlstandskindheit, schwebt Moumouris vor. Er will die Zuschauer "zum Nachdenken verführen", ohne in pathetische Larmoyanz zu verfallen. "Das darf nicht mitleidig klingen", weist er Melanie an, als sie von Selbstmorden unter den geschwängerten Schwabenmädchen spricht. "Die sterben halt." Unbeteiligt und wie neben sich stehend äußert sich die 12-jährige Emi-Lou Rogotzky in Richtung Zuschauerraum, wie jeder ihrer gleichförmigen Tage beginnt. "Oh, Gott, jetzt geht der Kampf wieder los."
Die Szenen sind dicht gestrickt, die Textstellen eng ineinander verzahnt und nicht immer einfach zu lernen. "Man muss immer genau aufpassen und sich sehr konzentrieren", so empfindet Lotta die schnellen Wechsel. Nach mehr als vier Stunden Probe sind die Kinder ziemlich fertig. Noch können sie nicht alle Stellen perfekt auswendig. Melanie schreibt zum Üben die einzelnen Szenen ab, um sich die Worte besser einzuprägen. Sebastian lässt sich von seiner Mutter abfragen. Auch die anderen haben sich für den Endspurt zusätzliche Lernstunden vorgenommen.
Moumouris und Ott sind ebenso anspruchsvolle wie zuversichtliche Theaterpädagogen. Obwohl die Schüler schon viel Verständnis für die Inszenierung entwickelt hätten, klebten sie bisweilen noch zu eng am Text, finden sie. "Manches erschließt sich nur über das Spiel", weiß Ott, "und da sind wir noch am Arbeiten." Doch bis zur Premiere sei das zu schaffen, da sind sie sicher.
Info Außer den drei Aufführungen im Melchinger Theater Lindenhof am 26. Februar, 3. Und 4. März sind Gastspiele in Filderstadt und Ravensburg geplant.
Mit freundlicher Genehmigung des Steinlachboten, hier der gesamte Artikel mit Bild









