„Ich sah noch Licht bei Ihnen!“ – Mit diesen Worten pflegte Gisela von Samson-Himmelstjerna späte Anrufe bei Nachbarn und Kolleg:innen auf dem Schulgelände des heutigen Firstwaldgymnasiums einzuleiten. Dieser Satz war charakteristisch für sie – immer ging es bei solchen Telefonaten zu unüblicher Stunde um etwas unaufschiebbar Wichtiges im Zusammenhang mit den ihr anvertrauten Schülerinnen und Schülern sowie der Schule, die für sie mehr war als ein Arbeitsplatz. Bis zu ihrer Pensionierung begleitete sie viele Kolleg:innen und Schülerjahrgänge ein Stück auf ihrem Lebensweg. Das war ihr Anliegen: gemeinsam lernen und zusammen zu leben.
Geboren 1938, prägten Kriegsjahre, Flucht und Entbehrungen ihre Kindheit – auch und besonders Weihnachten 1945. Später studierte sie in Hamburg, Zürich und Tübingen Deutsch, Theologie und Geschichte und unterrichtete bis 2001 am ABG Mössingen, aus dem 1994 das Firstwaldgymnasium hervorging. Als ein Aufbaugymnasium zunächst für Jungen gegründet, kam sie 1969 auf Bitten des Schulleiters Eberhard Mitzlaff an das ABG. Rückblickend schrieb sie 2018 in einer E-Mail anlässlich seines Todes: „Mein Berufsleben – vielleicht mein ganzes Leben – wäre anders verlaufen, wenn er mich nach Begegnungen auf zwei Tagungen nicht so nachdrücklich für seine Schule geworben hätte.“ Umgekehrt gilt sicher auch, dass unser ABG/Firstwaldgymnasium ohne sie eine andere Schule geworden wäre.
Von da an leitete sie das Wohnheim A, in dem seit 1968 – im Sinne der Koedukation – die Mädchen untergebracht waren: „Ihre Mädchen“ oder auch „meine Goldschätze“, wie sie zu sagen pflegte. Denn die Verantwortung, die sie spürte, ging weit über das in der Stellenbeschreibung vorgesehene hinaus. Sie nahm Anteil an schulischen und privaten Nöten wie an Freuden. Da die Heimreisen nur alle drei Wochen stattfanden, galt es, das Konzept „gemeinsam lernen und leben“ mit Inhalt zu füllen – und dabei die Balance von Nähe und Distanz zu wahren.
Die „Einheit von Schule und Heim“ als Prinzip bot dafür viele Gelegenheiten: Tee-Nachmittage, Musik, Kultur, Literatur – Gespräche über – in ihren Worten – „Gott, die Welt und die angrenzenden Gebiete“. Ihre berühmten „Bettkantengespräche“ beim abendlichen Gutenacht-Sagen waren geprägt von Anteilnahme, aber auch kritischer Orientierung – und das nicht nur bezüglich des Zustands der Zimmer: „Die Unordnung in diesem Zimmer muss eine andere werden.“ pflegte sie dann zu sagen.
Stets hatte sie ihre Schüler:innen im Blick, ohne ihr eigenes Wertgefüge aus den Augen zu verlieren. Eine dem Menschen zugewandte Theologie prägte dieses Gefüge. Sie hatte ein Gespür für das Detail und das große Ganze, setzte sich dafür ein, suchte das kollegiale Gespräch und nutzte ihre weitläufigen Beziehungen. Von der Wirkung des Wortes war sie überzeugt – sie sorgte dafür, dass es in die richtige Richtung ging. Praktische und organisatorische Aufgaben überließ sie dagegen gerne auch anderen. Für sie waren die Schule, die Schüler:innen und ein ausgewählter Kreis aus Kollegium und Schulleitung Ersatz für die fehlende eigene Familie.
Wichtig war ihr der große persönliche Handlungsspielraum, den sie am Aufbaugymnasium unter Eberhard Mitzlaff vorfand. Dieses Bedürfnis, sich mit den eigenen Vorstellungen – aber in Verantwortung für das Ganze – frei entfalten zu können, begleitete sie ihr ganzes Berufsleben lang. Tendenzen, die diesen Spielraum einzuschränken versuchten, waren ihr zuwider. Ihr Handeln war geprägt von Glaubwürdigkeit und dem Ringen um die gerechte Entscheidung – authentisch und geradlinig. Aber auch voller Vertrauen darin, dass sich das, was sie an guter Wendung erhoffte, auch Raum schaffen würde. Mit Hilde Domin formulierte sie das so: „Dem Wunder die Hand hinhalten“ – und oft genug sollte sie Recht behalten.
Durchdrungen war sie vom Gedanken der „Freiheit eines Christenmenschen“ – den Menschen sehen, tief verwurzelt im Glauben, als gelebtes, reflektiertes Christentum: Gelebter Geist statt bloßer Worte. Sie strahlte Autorität im besten Sinne aus: gegründet auf Lebenserfahrung, Kompetenz und Wissen. Ihr engagierter, reflektierter Religionsunterricht forderte immer wieder dazu auf, Gottes- und Weltfragen zu stellen, und verlangte nach Klarheit in Worten, Denken und letztlich auch im Handeln. Sie war in der Schülerschaft beliebt als Lehrerin und Betreuerin wegen ihrer klugen, umsichtigen und menschlich guten Art. Ihr Rat war geschätzt und gefragt.
Ab 1992 war sie an der Planung und Neukonzeption unter der Leitung von Schulleiter Busch beteiligt: Aus dem Aufbaugymnasium wurde ein zweizügiges Gymnasium der Normalform ab Klasse 5 mit Hortbetreuung. Sie ließ es sich auch nicht nehmen, diese erste Klasse als Klassenlehrerin mit einem Kollegen zusammen zu führen, wohl wissend, dass das „junge Volk“, wie sie die quirrligen Fünftklässler nannte, eine Herausforderung für sie werden würde.
Sie war federführend bei der Entwicklung eines diakonischen Profils für die Schule. So entstand ein genehmigter Grundkurs Diakonie (1996/97), später durch das MfKS profiliert und ab 1998/99 in einen Seminarkurs überführt. Kollegiale Begleitung erfolgte durch Anekdoten, die stets mit „In
meiner pädagogischen Maienblüte…“ begannen und ermutigten, bei pädagogischen Fragen „auch mal durch die Finger zu schauen“, wenn es hilfreich und zielführend war.
Mit Schalk im Nacken gesegnet und der Gabe der Selbstironie konnte sie über den ihr geschenkten Feldstecher – wegen ihres scharfen Adlerauges, dem so schnell nichts entging – herzhaft lachen. So wie sie über vieles ansteckend lachen konnte, wenn die Argumente erst einmal ausgetauscht waren.
Nach ihrer im Jahr 2001 im großen Kreis begangenen Verabschiedung blieb sie der Schule weiterhin eng verbunden. Jetzt hatte sie Zeit für Musik, Literatur und Reisen – aber auch für Besuche bei ihren vielen Freund:innen und der weit verzweigten Familie. Die sich verschlechternde Situation der Bahnreisen im Zusammenhang mit Stuttgart 21 nahm sie deshalb empört zur Kenntnis. Mit Bürgerauto, Freund:innen und Rollator beteiligte sie sich, solange es die Gesundheit zuließ, an gesellschaftlichen Anlässen im ganzen Raum Tübingen. „Ich bin doch Pensionärin. Pensionäre haben keine Zeit. Weißt du das nicht?“ konnte sie scherzhaft fragen – und doch war sie selbstverständlich da: ob im Freundeskreis der Schulen am Firstwald, bei Ehemaligentreffen, der jährlichen Weihnachtsfeier oder der großen Jubiläumsfeier zum 50-jährigen Bestehen der Schule im Jahr 2015. Das Quempas-Singen am 6. Januar im kleineren Freundeskreis war ihr wichtig – ebenso wie das Weihnachtsfest, das für sie mit so vielen Erinnerungen verbunden war.
2022 schickte sie im Weihnachtsbrief die Worte von Helmut Gollwitzer: „Die Tage, von denen wir sagen, sie gefallen uns nicht, werden nicht die letzten Tage sein. Wir schauen durch sie hindurch, vorwärts auf ein Licht, zu dem wir jetzt schon gehören und das uns nicht loslassen wird.“
Nach diesem Licht hat sie sich gesehnt – und auf dieses Licht ist sie zugegangen.
Am 8. Juni ist sie verstorben.
Sie wird uns fehlen.

